Wort für die Woche

Pfarrer Patrick Nagel
Bildrechte Kirchengemeinde Feuchtwangen

Gott ohne Gewalt

Bis Ende der 1970er Jahre erlebte der Iran – zumindest in den Städten – eine deutliche Modernisierung. Frauen hatten Zugang zu höherer Bildung, konnten wählen und gewählt werden, und Kleidungsvorschriften waren liberal. Dann kam die religiöse Revolution. Innerhalb weniger Monate wurden Jahrzehnte an Fortschritte zurückgedreht. Seitdem ist unter iranischen Flüchtlingen der Anteil derer, die zum Christentum übertreten, auffallend hoch. Warum? Einer der Gründe: In Jesus begegnen sie einem Gott ohne Bevormundung und ohne Gewalt.

Gerade die Tage, in denen wir jetzt näher auf die Karwoche zugehen – die Zeit der Erinnerung an die Kreuzigung Jesu –, können uns dazu mehr verraten. Einer der Gründe, warum Jesus von den damaligen religiösen Führern abgelehnt und hingerichtet wurde, war, dass seine Botschaft religiöse Ordnungen infrage stellte, sobald sie menschenfeindliche Folgen hatten. Wie oft geriet Jesus in Konflikt mit Menschen, die Gebote über Barmherzigkeit stellten!

Das Überraschende und Einzigartige an Jesus ist: Obwohl er mit dem Anspruch auftrat, dass durch seine Person Gottes Reich anbricht, war die Art dieser Gottesherrschaft das genaue Gegenteil jeder Durchsetzung einer neuen Ordnung durch politische Macht oder andere weltliche Machtmittel. Jesus hatte gesellschaftlich weder Status noch Rang noch ein Amt inne. Er verzichtete bewusst auf eigenen Besitz und hielt Abstand zu jeder Form von Durchsetzung durch Bevormundung, Zwang oder Unterdrückung. Sein andersartiges Gottesreich, dessen Saat er in die Welt brachte – und das manches Oben und Unten umkehrt –, wächst auf andere Weise. Aber niemals durch Gewalt.

Jesus und Machtpolitik lassen sich nicht miteinander verbinden. Schon die Geburtsgeschichte zeigt, auf welcher Seite Gott steht: Indem Jesus als verletzliches Kind zur Welt kommt, identifiziert sich Gott mit den Verletzlichen und Schwachen. Indem er arm wird – es gab nicht einmal ein Bett für dieses Kind –, identifiziert er sich mit den Armen. Indem er zum Flüchtling wird – seine Eltern müssen mit dem Neugeborenen nach Ägypten fliehen –, identifiziert sich Gott mit allen, die ihre Heimat verlassen müssen. Und während seines öffentlichen Wirkens finden wir Jesus immer auf der Seite derer, die ohne Privilegien oder Machtmittel waren oder gesellschaftlich ausgegrenzt wurden: Kinder, Frauen, Arme, Menschen mit Behinderungen, Sünder. Gerade sie erfuhren durch ihn Gemeinschaft und Würde.

Diese Würde galt sogar denen, die ihn töteten. Bei seiner Hinrichtung betete er nicht: Gott, räche mich!, sondern er betete am Kreuz für seine Peiniger (Lk 23,34): »Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun.«

In Christus begegnet uns ein Gott, der Leid auf sich nimmt, ohne zurückzuschlagen; der Schuld mit Vergebung beantwortet, nicht mit Vergeltung. Jesu Herrschaft war ein Dienen – ein Höherachten des Anderen.

Jesus brachte eine Saat in die Welt, die das Gegenteil von Selbstbehauptung und Ehrsuche ist. Wer ihm folgt, errichtet keinen Gottesstaat und führt weder Kreuzzüge noch heilige Kriege. Er ringt um Herzen – besonders um die, die Gewalt erfahren haben.

Ihr Patrick Nagel (Pfarrer)