Wort für die Woche
Das Wir braucht ein Ich
Es gibt Dinge, die beeindrucken mich immer wieder aufs Neue. Eines davon ist, was junge Menschen auf die Beine stellen, wenn man ihnen etwas zutraut.
In meiner Arbeit als Dekanatsjugendreferent erlebe ich das regelmäßig: Jugendliche, die bei Freizeiten Verantwortung übernehmen, Spiele vorbereiten, Streit schlichten, spätabends noch ein offenes Ohr haben und morgens trotzdem wieder auf der Matte stehen. Beim Konfi-CAMP oder der Jugendfreizeit nach Spanien konnte ich erleben, wie selbstverständlich viele Jugendliche füreinander da sind – nicht perfekt, aber mit Herz, Humor und einer erstaunlichen Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Ehrenamt verändert nicht nur eine Gemeinschaft. Es verändert auch die Menschen, die sich einbringen. Wer Verantwortung übernimmt, entdeckt eigene Fähigkeiten und wächst daran, wenn andere ihm vertrauen. Gemeinschaft macht uns größer, als wir alleine wären.
Im Galaterbrief 6,2 schreibt Paulus: „Einer trage des andern Last.“ Glaube bleibt nicht nur eine Sache zwischen mir und Gott. Er bekommt Hände und Füße dort, wo Menschen füreinander Verantwortung übernehmen. Wir müssen unser Leben nicht allein tragen – und zugleich sind wir eingeladen, für andere ein Stück mitzutragen.
Gerade in einer Zeit, in der vieles auseinanderzudriften scheint, ist das wichtig. Eine lebendige Gemeinschaft entsteht nicht von selbst. Sie lebt davon, dass Menschen nicht nur zuschauen, sondern sich einbringen. Vielleicht beginnt gesellschaftlicher Zusammenhalt ganz unspektakulär: an einem Tisch, an dem jemand neu dazukommt, in einer Jugendgruppe, in der einer Verantwortung übernimmt. Oder einfach dort, wo jemand nicht fragt: „Was bringt mir das?“, sondern: „Wer könnte mich gerade brauchen?“
Das sehe ich in der Evangelischen Jugend immer wieder. Jugendliche erfahren, dass ihre Ideen zählen und dass ihr Tun einen Unterschied macht. Sie lernen: Ich bin nicht nur für mich selbst unterwegs.
Und vielleicht gilt diese Einladung nicht nur Jugendlichen. Auch wir Erwachsenen können uns fragen: Wo könnte ich mich wieder einbringen? Jeder Mensch hat etwas zu geben: Zeit, Erfahrung, Geduld, Ideen oder einfach die Bereitschaft, da zu sein.
Das Wir braucht ein Ich. Es entsteht jeden Tag ein kleines Stück durch das, was wir tun, lassen und füreinander wagen.
Und manchmal beginnt etwas Neues tatsächlich ganz unspektakulär mit einem Satz: „Ich mach mit.“
Dekanatsjugendreferent, Diakon Hendrik Jarallah
