Wort für die Woche

Prediger Jochen Kümmerle
Bildrechte Kirchengemeinde Feuchtwangen

Liebe Leserinnen und Leser,

im Volksmund werden sie Hübsches Februar Mädchen, Milchblume, Weiße Jungfrau oder Schneetulpe genannt. Die meisten kennen sie unter dem Namen Schneeglöckchen.

Haben Sie diese Frühlingsboten dieses Jahr schon entdeckt?
Wenn ich die ersten Blüten durch unser Wohnzimmerfenster im Garten sehe, bin ich beeindruckt von diesen Schnee-Durchstechern, wie sie in manchen Gegenden auch genannt werden.
Sie machen ihrem Namen alle Ehre. Wenn Schnee den Boden noch bedeckt, Frost und Kälte das Land im Griff haben, lassen sie sich nicht von den unwirtlichen Bedingungen behindern und schieben ihre Triebe durch den kalten Boden.

Beim Staunen über diese mutigen Blüher, kam mir eine Aufforderung des Apostels Petrus in den Sinn: Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. (1. Petrus 3,9)

In unserer Welt legen sich Hass und Hetze, Streit und Stigmatisierung wie ein Frost über Völker, Gemeinden und Familien. Wie viel Potential an Freude, Wachstum und Glück wird dadurch erstickt!

Nun kann man über diese Zustände klagen, man kann resignieren und sich zurückziehen, man kann sich damit abfinden oder mit der gleichen Kälte und Härte re-agieren ... oder man nimmt sich das Schneeglöckchen zum Vorbild.

Wie schaffen es diese unscheinbaren Pflänzchen in einer rauen, frostigen Umgebung zu blühen? Ganz einfach: Die Kraft liegt in der Zwiebel. Von dort erhalten die grünen Triebe Energie und Kraft, um den kalten Boden zu durchbrechen und ihre Schönheit zu entfalten.

Ist das auch im menschlichen Miteinander möglich? Schaffen wir es in rauer, feindseliger Umgebung zu blühen - Böses mit Gutem zu vergelten und auf verletzende Worte mit Liebe zu reagieren? Wenn ich von mir ausgehe, eher nicht. Der Apostel Petrus zeigt uns eine Kraftquelle, die über unsere menschlichen Möglichkeiten hinausgeht. Es ist Gottes Liebe, die Hass und Lieblosigkeit überwinden kann. Diese Liebe ist in Jesus in diese Welt gekommen. Jesus hat Böses nicht mit Bösen vergolten. Er hat die Flüche, die ihm entgegengeschleudert wurden, nicht mit Gegenflüchen beantwortet, sondern noch am Kreuz für seine Feinde gebetet. Für andere beten ist eine Form des Segnens. Das kann ein erster Schritt zur Versöhnung sein.

Sind das nur leere Worte?

Eine Mitarbeiterin erzählte mir kürzlich folgende Begebenheit: In der Vorbereitung auf einen Gottesdienst kam es für sie zu einer unschönen Szene. Wie aus heiterem Himmel wurde sie in einer verletzenden Weise von jemand verbal angegangen. „So heftig, habe ich das noch nicht erlebt“, sagte sie mir. Wie ein grauer Schleier legte sich diese Aggression auf ihre Seele. Normalerweise würde man sich gegen so einen Angriff mit der gleichen Heftigkeit wehren. Sie hätte alles Recht dazu gehabt. Doch dann hörte sie leise, aber deutlich die Stimme des Guten Hirten: „Geh zu der Person und reiche ihr die Hand.“ Sie hörte auf die Stimme Jesu und erlebte, wie das Eis schmolz, die Bitterkeit aus ihrem Herzen wich. Sie ging auf dieses Wagnis ein, redete mit der betreffenden Person, suchte Blickkontakt, reichte ihr die Hand zur Versöhnung und erlebte in diesem Moment, dass die Kraft dies zu tun, nicht aus ihr selbst kam.

Müssen wir es tatenlos zulassen, dass Feindseligkeit und Verbitterung die Oberhand gewinnen? Ich glaube nicht! Als Christinnen und Christen haben wir eine klare Berufung: „... segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt.
Vielleicht erinnern Sie sich beim Betrachten eines Schneeglöckchens in den nächsten Tagen daran: Wo kann ich mit Gottes Hilfe ein „Schnee-Durchbrecher“ sein? Es fängt in der eigenen Familie oder im engsten Bekanntenkreis an...

Ich wünsche uns allen viel Mut dazu!
Mit herzlichen Segenswünschen,

Ihr Jochen Kümmerle
(Prediger Liebenzeller Gemeinschaft Feuchtwangen)