Wort für die Woche

Pfarrerin Daniela Bachmann
Bildrechte Kirchengemeinde Feuchtwangen

 

Wäre Jesus heute Kirchenmitglied? Um mich dieser Frage zu nähern, muss ich mir vorstellen, Jesus wäre vor 30 Jahren erneut als Mensch geboren worden, irgendwo in Deutschland. Sagen wir, seine Mutter ließ ihn taufen und brachte ihn auch in den Kindergottesdienst. Bestimmt hätte er schon als Jugendlicher im Religionsunterricht gerne diskutiert und wäre durch gute Argumente aufgefallen. Sicher hätte er an der Kirche einiges auszusetzen gehabt. Besonders störte es ihn, wenn Menschen sich von Gott nicht hinterfragen ließen, sondern sich nur bestätigt fühlten in ihrer Meinung und ihrer Lebensweise. Stellen wir uns vor, er tritt mit 19 Jahren aus der Kirche aus. Nicht um Geld zu sparen, sondern aus der echten Überzeugung, außerhalb dieses Systems Gottes Liebe besser zu den Menschen bringen zu können. Er hat nämlich festgestellt, dass er Krankheiten heilen kann, und reist nun jahrelang für Hilfsorganisationen um die Welt.

Nach langer Abwesenheit besucht er im Februar 2026 seine Verwandten in Deutschland. Er geht am Sonntagmorgen zum Gottesdienst. Nur wenige Leute kommen in dem kleinen Gemeinderaum zusammen. Die Kirche steht zum Verkauf. Die Leute, die nur da waren, „weil man das so macht“, sind längst weg. Reichtum und Macht der Kirche, alles das, was er früher so verkehrt fand, ist verschwunden. Aber der Glaube ist noch da, und wird zunehmend ausgenutzt; immer öfter von rechts. So kamen Bolsonaro und Trump an die Macht. Und manche Freikirchen werden zum Megabusiness.

Er stapft durch den Schnee zur Tür des früheren Pfarrbüros. Darin ist jetzt eine Bar. Aber an der Wand hängt noch ein Schild mit einer Nummer. Dort ruft er an. „Ich möchte in die Kirche eintreten.“ Eine Pfarrerin kommt mit dem Auto, um mit ihm ein Gespräch zu führen. „Warum möchten Sie wieder Kirchenmitglied werden?“ – „Wir brauchen einen Ort, wo es um Gott geht, ohne dass jemand damit reich werden oder eine Wahl gewinnen will.“
Die Pfarrerin hat einen langen Tag hinter sich und leidet an Migräne. Anders kann sie es sich nicht erklären, dass sie mitten im Gespräch ein Licht sieht und eine leise Stimme hört: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Freude habe.“ (Mt 3,17)

Pfarrerin Daniela Bachmann, Feuchtwangen