Wort für die Woche

Ulrike Moritz
Bildrechte KG Feuchtwangen

Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. (Röm 12,18)

Kennen Sie die Geschichte vom kleinen Tag? In diesem modernen Märchen geht es darum, dass alle Tage wie lebendige Wesen an einem geheimen Ort wohnen, und dort auf ihren Einsatz auf der Erde warten. Jedem Tag ist sein Datum zugewiesen, und er kann auch nur ein einziges Mal zu den Menschen kommen. Der kleine Tag hört jeden Abend die Geschichten der anderen Tage, die schon auf der Erde waren. Er hört, wie wichtig es ist, dass etwas ganz Besonderes beim Aufenthalt auf der Erde passiert, damit sich alle daran erinnern.

Als der kleine Tag endlich an der Reihe ist, muss er zunächst mit einigen Enttäuschungen umgehen, findet aber dann doch noch zahlreiche erfreuliche Vorkommnisse wie ein Kind, das ein Fahrrad zum Geburtstag bekommt, oder ein glückliches Liebespaar. Bei seiner begeisterten Rückkehr erfährt er von den anderen Tagen allerdings nur Spott und Verachtung für solche unbedeutenden Nebensächlichkeiten. Verbittert zieht er sich zurück, bis ein Jahr später ein anderer Tag berichtet, sein Datum solle zum internationalen Feiertag werden, weil an diesem Tag nichts Böses auf der Welt geschehen sei, keine Gewalt, kein Streit, kein Unfrieden. Als Friedenstag geht der kleine Tag in die Geschichte ein und ist glücklich.

Ein Märchen? Der bittere Kern daran ist, dass die Menschheit wohl noch nie einen solchen Tag gesehen hat: völlig ohne Krieg, Gewalt und Bosheit. Und dass es derzeit eher danach aussieht, als würden Krieg und Unfrieden wieder zunehmen, als wäre Gewalt mehr denn je ein legitimes Mittel in Konflikten. Kein Tag vergeht ohne Kämpfe und Gewalttaten. Und was wäre da schon ein einzelner Tag Frieden?

Als Christinnen und Christen haben wir jedoch eine noch viel größere Hoffnung: Gottes Reich, ein Friedensreich, das nicht nur einen Tag, sondern ewig währt. Die Bibel spricht in wunderbaren Bildern davon:

Wolf und Lamm werden friedlich zusammen weiden, der Löwe wird Heu fressen wie ein Rind, und die Schlange wird sich von Erde ernähren. Sie werden nichts Böses mehr tun und niemandem schaden auf meinem ganzen heiligen Berg. (Jes 65,25)

Ein Märchen? Nein, sondern eine großartige Verheißung, die unsere Sehnsucht nach Frieden wachhalten soll. Die uns ermutigen soll, schon jetzt dem Frieden zu dienen, wo wir nur können:  Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. (Röm 12,18)

So viel an mir liegt. Auch wenn ich scheinbar provoziert werde. Auch wenn ich mich ärgere oder mich ungerecht behandelt fühle. Sollte morgen der kleine Tag anbrechen, dann will ich versuchen, meinen Teil dazu beizutragen, dass niemand einem anderen Böses tut!

Ihre Pfarrerin Ulrike Moritz

(Quelle. Wolfram Eicke, Der kleine Tag. Ein Märchen. Partisch+Röhling 1985)